Yana, die Sortiererin

Helga Konrad

Ich habe über viele Jahre in der Glasfabrik Riedel als Sortiererin gearbeitet, um etwas zu unserem Haushaltseinkommen und zu den Kosten für das Leben unserer vierköpfigen Familie beizutragen. Mit Kolleginnen mit Kopftüchern habe ich auch in der Arbeitswelt viele gute Erfahrungen gemacht. Ist ja egal, wie die Menschen ausschauen und was sie anziehen, wichtig ist doch der Mensch und der Charakter. Immer dann, wenn das Tuch aber aus Zwang getragen wird, stoße ich an die Grenzen meines Verständnisses. So ging es mir und auch anderen Kolleginnen bei Yana, einer türkischen Frau, die einige Jahre mit uns arbeitete.

Sie trug das Tuch bei jedem Wetter, auch im Sommer, wenn es in der Fabrik aufgrund hoher Außentemperaturen und der Hochöfen, in denen Glas geschmolzen wurde, unerträglich heiß war. Und der Grund dafür war nicht ihr Glaube oder religiöse oder kulturelle Vorschriften, sondern ihr Mann. Der war zu der Zeit nämlich arbeitslos und hatte jeden Tag nichts Besseres zu tun, als am Vormittag, nachdem er aufgestanden war und gefrühstückt hatte, seine Frau, die bereits seit sechs Uhr in der Früh in der Sortierung arbeitete, zu „besuchen“, wie er sagte. In Wahrheit kontrollierte er, ob Yana tatsächlich das Tuch trug und dass auch keine Männer in ihrer Nähe arbeiteten, da er auch krankhaft eifersüchtig war. Er stand dann stundenlang bei uns im Betrieb rum und ließ seine Frau nicht aus den Augen. Yana tat uns wirklich sehr leid.

An einem dieser Tage, als es unerträglich heiß zu werden versprach und wir in der Glasfabrik Besuch vom oberösterreichischen AK-Präsidenten erwarteten, rieten wir der jungen Türkin, das Tuch abzulegen. Wenigstens für die paar Stunden. Wir konnten nicht zusehen, wie ihr bereits um 8 Uhr in der Früh die Schweißperlen unter dem Kopftuch hervortropften und sie das Tuch auch immer wieder zurechtrücken musste, da es ständig verrutschte, Ihre Reaktion erschreckte uns dann aber sehr: Sie riss die Arme zum Himmel und schrie, dass Allah und ihr Mann das nicht verzeihen würden. Und so waren wir ruhig, sie hat weitergekämpft mit ihrem Tuch und ihr Mann kam weiterhin Tag für Tag zur Kontrolle vorbei. Auch an Tagen, an denen es so heiß war, dass die Firmenleitung der Glasfabrik die Glasproduktion in die Nachtstunden verlegte, da während des Tages an das Glasblasen nicht mehr zu denken war. Wir konnten Yana damals nicht verstehen bzw. vor allem ihren Mann nicht, der sie zwang, das Tuch zu tragen und vor dem sie sehr große Angst zu haben schien.

Kopftuchvergangenheit

Übrigens, als ich, ein paar Tage nachdem ich diese Erinnerungen aufgeschrieben hatte, auf der Suche nach alten Fotos unsere Alben durchstöberte, fand ich jede Menge Bilder, die mich selbst mit Kopftuch zeigten – das war mir gar nicht mehr so bewusst. In den 60-er und 70-er Jahren trugen wir alle Tücher, als Schutz vor Wind und Wetter, aber auch als Schmuck im Stile der damaligen großen Filmikonen Grace Kelly, Sophia Loren und wie sie alle geheißen haben. Meine Mutter und auch meine Schwiegermutter gingen zu dieser Zeit sehr häufig nur mit Tuch aus dem Haus. Das wurde erst seltener, als die beiden langsam in die Jahre kamen und nicht mehr so viel Wert darauf legten.

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