Vorbilder und Idole

Sigmund Freud hat sich unter anderem in seinen psychotherapeutischen Arbeiten mit der Frage beschäftigt, was einen Menschen zu einem Vorbild macht. Er bezeichnete den Prozess als psychodynamische Angleichung eines Menschen an einen anderen. Quasi als Prozess der „Identifizierung“ mit einem Vorbild.  Das bedeutet, dass sich ein Mensch in bestimmten Situationen so verhält und benimmt, wie es ein anderer tut, der sein Vorbild ist.  In unserer frühen Kindheit sind die Eltern oder andere direkte Bezugspersonen die wichtigsten Vorbilder. Sie werden sehr oft kopiert und meist sehr unreflektiert nachgeahmt. So gelingt es einem kleinen Kind, Konflikte zu lösen (zum Beispiel die Angst vor dem Alleinsein oder Ähnliches). Indem das Kind lernt, wie Mama oder Papa damit umgehen, lernt es eigene Strategien der Angstbewältigung, der Durchsetzung oder auch der Zielerreichung.

Je älter ein Kind bzw. Jugendlicher wird, umso stärker wächst die eigene kritische Urteilsfähigkeit. Der oder die Jugendliche sammelt selbst Erfahrungen zu verschiedenen Lebenssituationen, sieht, wie sich andere in diesen Verhalten und entwickelt eine eigene Strategie dazu. Die Eltern oder direkte Bezugspersonen stehen nicht mehr so zentral im Mittelpunkt. Jugendliche beginnen sich an alternativen Vorbildern und Idolen zu orientieren und ahmen diese nach. 

Interessant ist allerdings, dass in vielen Jugendstudien trotzdem die Eltern genannt werden, wenn die Frage nach Vorbildern gestellt wird https://jugendkultur.at/die-neuen-vorbilder-der-jugend-2021/. Vorbilder werden dort gesucht, wo sich die Jugendlichen selber gerne aufhalten. Das sind heute nicht mehr nur reale Orte, sondern ist immer mehr die virtuelle und irreale Welt, die eine weit größere Vielfalt bietet als das wirkliche Leben. Zudem kann man in dieser Welt auch „unsichtbar“ und anonym unterwegs sein und muss sich nicht ständig beweisen oder rechtfertigen. Wichtig sind bei der Suche nach Vorbildern auch Ähnlichkeiten, die diese Personen mit den eigenen Zielen, Vorstellungen, Lebenseinstellungen, Träumen etc. gemeinsam haben. Eine Rolle spielt in unserer von Diversität geprägten Welt auch zunehmend die ethnische Community.  

Role Models nachahmen

Der Begriff „Role Model“ wurde vom amerikanischen Soziologen Robert K. Merton [1] in den 1950er Jahren geprägt. Er definierte „Role Models“ als „Vorbilder, die als Muster für spezifische Rollen im Leben nachgeahmt werden (Musiker, Fußballerin, …). Zu unterscheiden davon ist der Begriff „reference individuals“, die Bezugsindividuen. Sie sind meist Vorbild bzw. liefern Muster für die eigene generelle Lebensweise. In der amerikanischen Pädagogik gilt „role modeling“, das Modellieren von Rollen, heute als eine der tragenden Säulen der elterlichen und schulischen Erziehung.

Das Lernen an Vorbilder prägt das Verhalten junger Menschen nachhaltig. Auch deren Sozialverhalten. Haben Kinder in ihrer frühkindlichen Sozialisation beispielsweise das Grüßen nicht erlernt, gelingt es in dieser Phase des Erwachsenwerdens noch, das zu verändern, wenn Sie Vorbilder finden, die etwas anderes vorleben. Und dies, obwohl uns die Hirnforschung heute sagt (und mit unzähligen Studien belegt), dass mentale Modelle und Verhaltensmuster zum größten Teil bis zum Ende der Pubertät für ein Leben lang angelegt sind. Das betrifft auch den Umgang mit Aggression, der heute zunehmend niederschwelliger und damit vielerorts bereits zum Problem wird (auch befeuert durch die Anonymität in den sozialen Medien). Vorbilder aus Actionfilmen, Psychothriller und Mordserien tragen ebenfalls dazu bei.  

Warum brauchen wir Vorbilder?

  • Vorbilder geben uns Orientierung. Wie müssen wir uns verhalten um das gewünschte Ziel zu erreichen?
  • Vorbilder geben Sicherheit. Und Sicherheit gehört laut Maslow und seiner Bedürfnispyramide zu den Defizitbedürfnissen, die erfüllt sein müssen, bevor persönliche Entwicklung und Selbstverwirklichung (Wachstumsbedürfnisse) stattfinden können. Also nach den Grundbedürfnissen (essen, schlafen, …) ist Sicherheit ebenso wie soziale Eingebundenheit essentiell für jeden Menschen[2]. Vor allem bedeutende Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik werden gerne als Vorbilder genannt, da sie uns in einer immer unsicher werdenden Welt (Seuchen, Klimawandel, Katastrophen, Kriege, …) Halt geben und uns vermitteln, alles im Griff zu haben.
  • Vorbilder motivieren uns. Sie leben uns vor, dass Ziele erreicht und Träume realisiert werden können, wenn man mutig ist. Sie helfen und motivieren dadurch, an einer Sache dran zu bleiben, Strapazen in Kauf zu nehmen und Träume zu verwirklichen. 

Fakt ist auch, dass sich Kinder etwa ab dem zweiten Lebensjahr an Vorbildern des eigenen Geschlechts eher orientieren als an Vorbildern des anderen Geschlechts, was die Genderdebatte ein Stück weit komplizierter macht. Männliche Vorbilder sind in gewissen Situationen für Frauen sogar nachteilig, wie eine Studie der Universität Mannheim eindrücklich zeigt. Mehr dazu in folgendem Artikel.


[1] Merton, Robert K. (2011), Die Theorie des Rollenkonflikts nach Robert K. Merton oder Merton, Rober K. (1967), On Theoretical Sociology, Five Essays, Social Theory and Social Structure part one

[2] Maslow, Abraham H. (1981), Motivation und Persönlichkeit

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