Verzauberte Lese-Stunden in Corona-Zeiten

Es ist kein Zufall, dass meine Freundin Martina, Initiatorin von Leseinitiativen und Mitstreiterin in Lesefragen, uns vor ein paar Tagen auf das Buch von Meghan Cox Gurdon „Die verzauberte Stunde“ aufmerksam gemacht hat. Das Buch ist ein eindrückliches Plädoyer einer Kinderbuchkritikerin und fünffachen Mutter für das Lesen und Vorlesen. Seit Jahren beschäftigen wir uns beruflich und im privaten Umfeld mit dem Thema Lesen und wie wir dieses den Menschen – vor allem den jungen – wieder schmackhaft machen können in einer Welt, in der Lesen aus der Mode zu kommen scheint und wir den ganzen Tag über digitale Medien mit Informationen überschüttet werden. Wir machen ehrenamtliche Projekte dazu und werden nicht müde, die Bedeutung der Lesekompetenz zum einen, aber auch den Mehrwert, den das Lesen und vor allem auch Vorlesen eines guten Buches für die Entwicklung der Kinder aber auch für die Förderung des sozialen Miteinanders und eines Gemeinschaftsgefühls hat, anzusprechen. Und irgendwie scheint es, als ob gerade jetzt, da viele gewohnte Dinge plötzlich durch das Virus namens Corona in Frage gestellt werden oder schlichtweg die nächsten Tage, Wochen und vielleicht sogar Monate einfach nicht mehr möglich sind, so vermeintlich „altmodische“ Gewohnheiten wie Lesen und Vorlesen wieder an Bedeutung gewinnen.

Yusef mit Lese-Oma und Lese-Opa in Aktion!

Aus vielen wissenschaftlichen Studien wissen wir seit langem über den Wert des Vorlesens. Aber wir wissen aus unserer täglichen Arbeit auch, dass Lesen heute in vielen Familien keinen großen Stellenwert mehr hat und durch Internet, Social Media, Fernsehen und Videos sowie das Smartphone verdrängt wird. Regelmäßige Lese-Tests bestätigen diese Trends. Also, warum nicht jetzt, in einer Zeit, die uns quasi zum Entschleunigen zwingt, die Chance ergreifen und ein tägliches Leseritual einführen. Dieses stärkt nicht nur die Lesekompetenz und soziale Bindung, sondern auch die Entwicklung von Empathie und das Wir-Gefühl, das in Tagen wie diesen mehr denn je gefragt ist. „WIR werden den Virus gemeinsam überstehen, wenn wir solidarisch aufeinander schauen und wieder mehr zusammenrücken“, war ein eindrücklicher Appell an die Menschen, den Sebastian Winkler am vergangenen Freitag in der Morgensendung auf Bayern 3 an die Menschen gesandt hat. Die vielen Reaktionen darauf, die anschließend die Redaktion erreichten, zeigen, dass er einen Nerv der Zeit getroffen hat. Auch diese Themen vom „ICH und vom WIR“, von Werten und Wertschätzung und gegenseitigem Respekt und Empathie beschäftigen uns seit vielen Jahren in unserer Arbeit. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir jedenfalls, und das haben wir uns für die nächste Zeit vorgenommen, jetzt wieder verstärkt im Auge haben wollen.

In einer der letzten Wochenendausgaben der Salzburger Nachrichten hat der Redakteur Bernhard Flieher sehr deutlich angesprochen – nicht Lebensmittel hamstern, sondern in den Buch-Shop gehen, solange das noch geht, und sich mit guten Büchern eindecken – eine wirklich gute Idee. Denn Bücher sind Freunde, wie der neunjährige Yusef kürzlich gesagt hat, als seine Lese-Oma ein Buch wegwerfen wollte. Ja und Freunde braucht man gerade in Zeiten wie diesen viele. Vielleicht jetzt einfach die zwangsweise „gewonnene“ Zeit nutzen und selber ein gutes Buch lesen oder mit den Kindern ein regelmäßiges Leseritual einführen. Es vergeht dabei nicht nur die Zeit wie im Flug, sondern auch die Phantasie und Kreativität der Kinder wird angeregt, die Lesekompetenz steigt, ihre Ausdruckskraft und komplexes Denken werden gefördert und das Ritual an sich gibt den Kindern Sicherheit, Orientierung und Geborgenheit. Kinder, die viel Lesen und denen regelmäßig vorgelesen wird, sind stabiler und überstehen Krisen besser.

Wir wissen außerdem: Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf. Kinder, mit denen man liest und denen man vorliest, haben mehr Fantasie und kennen ihre Gefühle besser bzw. können sie diese auch besser benennen, weil sie sich mit ihren Helden identifizieren, mit deren Abenteuern mitfiebern und sich dabei auszudrücken lernen. Digitale Medien oder Fernsehen sind hier immer hinten dran, weil diese durch die vorgegebenen Bilder die Gefühle des Kindes viel weniger anregen. Das ist Faktum und mittlerweile auch durch moderne Messmethoden in der Hirnforschung nachweisbar. Darüber hinaus macht das Lesen aber auch gesellschaftsfähiger und „sozialer“. Die Stiftung Lesen hat gemeinsam mit der Zeitung „Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung in einer ihrer Lesestudien nachgewiesen, dass Kinder, die lesen, auch gute Freunde sind und viele Freunde haben. In diesem Sinne: Warum nicht jetzt ein Leseritual einführen und die Stunden daheim zu Lesestunden verzaubern?

Übrigens: Die regionalen Büchershops haben derzeit wegen Covid-19 alle geschlossen und erleben gleichzeitig eine wunderbare Renaissance. Vielerorts kommen die Betreiberinnen und Betreiber von Buchshops und deren Personal kaum nach, die Bestellungen, die via E-Mail, Online-Bestellung oder telefonisch getätigt werden, zu verschicken! Und noch etwas: Yusef hat von der Lese-Oma diesen „Freund“, den sie in der Papiertonne entsorgen wollte, mit nach Hause genommen und in seine kleine Bibliothek, die er seit dem Leseprojekt hat, an dem er in der Volksschule teilnahm, gestellt. Ein Buch für Erwachsene. “Aber das kann ich ja später einmal lesen“, hat er gemeint!

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