Entscheidung

Seinab Alawieh

Kopftuch rauf, Kopftuch runter. So ging das eine Zeit lang in meiner Jugend. Bis mein Vater meinte, dass ich mich dann doch einmal entscheiden sollte: für oder gegen das Kopftuch. Ich denke, er war schon reichlich genervt durch das ewige Hin und Her und meine Unentschlossenheit. Ich habe mich dafür entschieden.

Aus freien Stücken und weil ich mich wohlfühle, wenn ich das Kopftuch trage. Das war bisher so und ist auch jetzt so. Wie das in der Zukunft sein wird, kann ich jetzt nicht sagen. Obwohl ich mir ein Leben ohne Kopftuch derzeit nicht vorstellen kann.

Natürlich werde ich in einer Welt, in der heute Kopftücher etwas Besonderes zu sein scheinen – vor allem, wenn sie von Musliminnen getragen werden – immer wieder danach gefragt. Manchmal sehr freundlich und neugierig, so wie von Christiane, die mich bereits aus der gemeinsamen Schule unserer Buben kannte und beim ersten Besuch bei mir zu Hause nach meinen Motiven fragte.  Manchmal auch mit viel Skepsis und Unverständnis, so wie damals meine Schulkameraden, die lange Zeit nicht akzeptieren wollten, dass ich nach einem verlängerten Wochenende mit Tuch in die Schule kam und es nicht mehr ablegen wollte. Sie konnten meine Verwandlung nicht verstehen. Ich konnte nicht verstehen, dass ich plötzlich eine andere sein sollte, nur weil ich mich für das Kopftuch entschieden hatte. Die Seinab von Montag war doch dieselbe, die sie noch am Mittwoch vor dem Feiertag und dem langen Wochenende war.

Ich kann mir schon vorstellen, dass Menschen, die kein Kopftuch tragen, oft nicht nachvollziehen können, warum uns das Kopftuchtragen wichtig ist. Für mich gehört das Tuch zur Kleidung, zu meinem Outfit, wenn ich an die Öffentlichkeit gehe, und es ist eine Form des Respekts – Respekt den Menschen gegenüber und vor allem auch Respekt Gott gegenüber. Dankbar dafür, dass ich mich frei entscheiden konnte, bin ich meinen Eltern. Denn das ist nicht in allen muslimischen Communities so. Das wissen wir alle. Obwohl im Koran nichts von Kopftuchzwang steht und Sure 256 ausdrücklich festlegt, dass es keinen Zwang im Glauben gibt. Es geht einzig und allein darum, an Allah zu glauben und ein gutes Leben zu führen. Das geht sicherlich mit Kopftuch genauso wie ohne. Ich habe mich eben dafür entschieden. Schreiben Sie uns Ihre Kopftuchgeschichte: mail to: kopftuchgeschichten@yahoo.com

Aus: Das Kopftuch ABC von Edith Konrad und Seinab Alawieh, IKON Verlag 2017, Brunn am Gebirge, ISBN 978-3-99023-475-4

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