Embodiment – Etwas Neues oder eigentlich ein alter Hut?

Embodiment ist ein relativ junger Begriff bzw. eine neue Disziplin der Neurowissenschaften, die im Grunde auf uralten menschlichen Prinzipien aufbaut. Die grundlegende Annahme, dass Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster auch verkörpert sind, steht im Mittelpunkt der Embodiment-Forschung. Embodiment versteht sich demnach als die Lehre und die Erforschung der Verkörperung des menschlichen Seins, insbesondere der kognitiven und emotionalen Prozesse in Wechselwirkung mit den jeweiligen sozialen Kontexten.

Bereits 1991 verwies Francesco Varela in seinem Buch „Embodied Mind“ auf die doppelte Verkörperung des Geistes. Im wörtlichen Sinne sind also Denkprozesse sowohl ohne Körper als auch ohne Umwelt nicht möglich. Die Embodiment-Forschung basiert auf dem Wissen der Körper-Psychotherapie und deren Forschungserkenntnisse. In neueren Anwendungen in Coaching und Beratung wird die Systemtheorie, wie sie von Niklas Luhmann formuliert worden ist, als Grundlage herangezogen. Luhmann betrachtet Menschen in ihrer Daseinsform nicht als Einheit, sondern in drei getrennt voneinander operierenden Subsystemen, die miteinander gekoppelt sind: • das biologische System (Organismus und Körperintelligenz) • das psychische System (Denken, Wahrnehmung, Emotion, Bewusstheit) • das soziale System (Kommunikation im Medium Sinn).

In der Embodiment basierten Beratungen wird die Einbeziehung der Körperintelligenz bewusst genutzt. Sie bietet die Chance für ein zusätzliches Feedback und für Selbstreflexion. Im Besonderen werden gleichzeitig Körper und Sprache beobachtet und deren Wechselwirkung zum psychischen und sozialen System d.h. Gesten, Mimik, Bewegungen und Haltungen in Bezug auf die verbale Kommunikation. Diese Beobachtungen stellt der Coach, Berater anhand von spezifischen Methoden zur Verfügung. Damit werden Wahrnehmungen der inneren Ressourcen, des sicheren Ortes, des verorteten Standpunktes, des Hara-Zentrums und damit der inneren Kraft (nicht Muskelkraft sondern Stärke, Energie,..) wieder bewusster spürbar, bewertbar und somit auch veränderbar. Einfache Übungen, die in der Feldforschung immer wieder für Versuchsreihen herangezogen werden, zeigen, wie der Körper und Bewegungen unser Denken beeinflussen.

So macht es tatsächlich einen Unterschied, ob die Arme in ihrer Beuge- oder Streckmuskulatur vor einem Versuch trainiert werden. Einmal geht’s um Annäherung (Beugemuskulatur: zum Beispiel, wenn man eine Person oder einen Gegenstand an sich presst), einmal um Ablehnung (Streckmuskulatur, wenn man zum Beispiel eine Person, einen Gegenstand wegdrückt). Geübt/trainiert kann das werden, in dem man die Handflächen auf eine Tischoberfläche drückt bzw. den Tisch mit den Handflächen unter der Tischoberfläche anzuheben versucht. Alles, was anschließend von Versuchspersonen abgefragt (z.B. Bewertung fremdländischer Schriftzeichen) wird von den Probanden wesentlich positiver bewertet, die vorab die Beugemuskulatur entsprechend trainiert haben. So lassen sich Verhaltensweisen durch gezieltes Embodiment beeinflussen und auch verändern. Die Kommunikationsforscher/-innen Storch und Taschner raten dazu in ihrem Embodiment-Buch Verkaufsstrategen, bei Verkaufsapparaten eher Ziehschalter als Druckknöpfe zu verwenden. Kann man bei Gelegenheit in der Praxis überprüfen!

Die fünf Sensoren der Körperintelligenz

• Stellung der Gelenke • Muskeln: Anspannung/Entspannung • Verortung von Druck • Wärme/Kälte • Schmerz/Wohlbefinden

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