DorfGeschichten

Tuk Tuk auf Samosir meistert die Coronapandemie.

Die Pandemie hat das Dorfleben verändert. Die Menschen schauen wieder besser aufeinander, helfen einander gegenseitig und teilen mit jenen, die nichts mehr haben. Das ist für Mama Marco alias Annette Siallagan etwas Positives im Negativen. In Tuk Tuk spüren die Menschen wieder mehr Zusammengehörigkeitsgefühl. Es scheint fast ein wenig so, als würden alle wieder mehr zusammenwachsen, sich dessen bewusst werden, dass Menschen soziale Wesen sind, die andere brauchen, um wachsen zu können.

Vier bis fünf Stunden Fahrzeit. Das ist der kürzeste Weg von Medan nach Parapat, von wo aus man mit der Fähre zur Insel Samosir im Tobasee übersetzen kann. Mein Reisebegleiter und ich machen beim ersten Besuch einen Umweg über Berastagi und brauchen 20 Stunden. Inklusive Übernachtung in dem netten kleinen Ort, der mit seinen schön geschmückten Pferdekutschen ein wenig an Salzburg erinnert. Noch rechtzeitig vor 18 Uhr erreichen wir am nächsten Tag die Fähre, mit der wir in einer Dreiviertelstunde die Insel Samosir gelangen Am Ortseingang von Tuk Tuk weist ein Schild auf die „Bakery“ hin. Gelesen habe ich von der Bäckerei der Deutschen schon im Internet. Es scheint sie tatsächlich zu geben. Die Bäckerei. Und auch „die Deutsche namens Annette“ gibt es. Sie lädt mich, obwohl wir uns nicht angemeldet hatten, am nächsten Tag ganz spontan und unkompliziert zu einem Kaffee ein und ich kann das Interview für mein Südostasienbuch mit ihr führen. Von ihr erfahre ich während des Interviews auch einiges über das Leben auf der kleinen Insel in einem der größten Kraterseen der Welt. Das war im Winter 2015.

Wir sind in Mailkontakt geblieben. Unser zweiter geplanter Trip zum Märchensee, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, fällt erst einmal aufgrund der weltweiten Coronapandemie ins Wasser. Dank Zoom können wir uns aber trotzdem treffen. Zumindest sehen und miteinander reden. Mich interessiert vor allem, wie es Annettes Klan geht. Und wie ihr Heimatdorf und die anderen Samosir-Dörfer in Zeiten der Pandemie über die Runden kommen. „Wie für alle Orte, die vom Tourismus leben, schwierige Zeiten“, sagt sie nach unserer etwas wackeligen Begrüßung wegen einer instabilen WLAN-Verbindung. Ich habe es befürchtet. Auch Tuk Tuk hat es voll erwischt. Annettes engere Familie innerhalb des Klans, dem sie angehört, ist zum Glück bisher von einer Infektion verschont geblieben. Da die Zahlen aber auch auf Sumatra wieder steigen, ist die Gefahr noch nicht vorüber. Die wirtschaftlichen Folgen sind jetzt schon spürbar.

Wie das Zusammenleben in den Klans funktioniert, hat mir Annette Siallagan, geborene Horschmann, in unserem spontanen Gespräch im Winter 2015 bereits erzählt. Ich kann mich daran erinnern, dass es für mich wie eine eigene Wissenschaft geklungen hat. Das Klanwesen ist für Europäer schwer zu durchschauen und oft nicht wirklich zu verstehen. So ging es anfangs auch Mama Marco, wie Annette seit der Geburt ihres ersten Sohnes auf Samosir genannt wird, als sie vor mehr als 25 Jahren in einen indonesischen Klan aufgenommen wurde. Diese war Voraussetzung dafür, ihren heutigen Mann Antonius Silalahi heiraten zu können. Seither hat die gebürtige Deutsche und gelernte Juristin viel erfahren über das Klanwesen und auch darüber, wie wichtig es ist, Wissen zu teilen und Erfahrungen weiterzugeben. Eine Eigenschaft, die sie heute in Europa oftmals vermisst.

Das Dorf Tuk Tuk im Tobasee ist ihre Heimat. Sie kann sich nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren, auch wenn sie ihre Familie in Wetter an der Ruhr in der Nähe von Bochum besucht. Nach gut zwei Wochen in Deutschland wird sie aber in gewohnter Regelmäßigkeit unruhig und es zieht sie wieder zurück in ihre jetzige Heimat mitten auf Sumatra, auf die kleine Insel im Tobasee.

Zu „Mama Marco“ verwandelte sie sich durch die Geburt ihres ersten Sohns, der heute 25 Jahre alt ist, auf Java ein Tourismusstudium absolviert hat und auf Bali in einem internationalen Hotel Erfahrungen sammelt, wenn nicht gerade eine Pandemie wütet. Derzeit – im Herbst 2021 – ist Marco daheim und hilft den Eltern in deren Hotel und bei ihren sozialen und ökologischen Projekten. Dabei und durch Online-Weiterbildungen lernt er viel Neues und die Eltern lernen Neues von ihm. Vor allem in Sachen Marketing und Mitarbeiterführung bringt er fachliches Wissen ein und unterstützt damit die Eltern bei der Weiterentwicklung ihres Betriebs. Sobald es geht, will er aber nach Bali zurück, um direkt im Job noch viele weitere Erfahrungen zu sammeln, bevor er sich auf Samosir niederlässt und eine Familie gründet.

Die beiden anderen Kinder der erfolgreichen Unternehmerin sind gerade in Deutschland. Ronald Hotto hat in Dresden Koch gelernt und ist bereits mit seinen 21 Jahren für die Lehrlinge im besten Hotel am Platze zuständig. Annette ist sehr stolz darauf, dass er nach der Lehrabschlussprüfung mitten im Lockdown vom Betrieb fix übernommen wurde, obwohl die gesamte Hotellerie und Gastronomie zu dem Zeitpunkt geschlossen hatte. Tochter Julia, 23 Jahre alt, schreibt in Göttingen an ihrer Bachelorarbeit und will dann den Master machen. Das Management von Ökosystemen steht auf ihrer beruflichen Agenda. Bevor vielleicht auch sie mit diesem Wissen zurück zum Tobasee kommt, gibt es noch viel zu lernen. Die beiden Söhne haben das jedenfalls so geplant. Zurückzukehren und sich in dem kleinen Dorf, wo ihre Wurzeln sind, einmal niederzulassen. Die Zukunft wird zeigen, ob sie ihre Pläne verwirklichen können. Derweilen managen Annette und ihr Mann Antonius die gut 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und warten darauf, dass die Zeiten wieder besser werden und sie wieder Gäste aus aller Welt beherbergen dürfen.

Obwohl dieses wunderbare Fleckchen Erde nicht ganz einfach zu erreichen ist, war ihr Hotel, das sie 1994 eröffnet haben, vor der Pandemie immer gut gebucht. Vor allem europäische Touristen schätzten den guten Service und die schöne Anlage direkt am 24 Grad warmen See und auch die Betreuung durch die Chefin. Während des ersten Lockdowns war alles geschlossen. Im zweiten Lockdown im Sommer 2021 kamen zumindest Urlauber aus Sumatra und auch Gäste, die einer Großstadt entfliehen wollten und ihr Homeoffice in den schönen Luxuschalets der Hotelanlage am Tobasee einrichteten.      

Der Tobasee ist das Produkt eines der größten Vulkanausbrüche der letzten zwei Millionen Jahre. Gut 75.000 Jahre alt, rund 85 Kilometer lang und 27 Kilometer breit liegt er in einem vulkanisch-tektonischen Kesseleinbruch. Das Klima ist angenehm, muss man doch 900 Höhenmeter hinauf, wenn man in vier bis fünf Stunden Fahrzeit aus der heißen, tropischen Gegend um Medan kommt. Mit einer Gesamtfläche von 1.776,5 km²– der Bodensee hat im Vergleich dazu 536 km²– ist er der größte Kratersee der Welt. Die Insel Samosir im See misst 647 km² – vergleichbar mit der Größe Singapurs oder Berlins. Parapat am Ostufer ist die größte und wichtigste Stadt am See, über die man mit der Personen- oder Autofähre die Insel und damit auch Mama Marco erreicht. Und wenn man erst mal angekommen ist und die gut ermüdende Autofahrt über enge, unbefestigte und teils sehr kaputte Straßen und Pisten etwas müde und verstaubt hinter sich gebracht hat, versteht man, warum es Menschen ausgerechnet an diesen See zieht.

In eine andere Welt, eine andere Zeit versetzt fühlt sich der Besucher angesichts der einfachen Dörfer und schwierigen Arbeitsbedingungen in den zerklüfteten Bergen und an den Ufern des Sees. Sattgrüne Reisfelder, die bis in den See hineinreichen, wechseln sich mit Obst- und Gemüseplantagen ab. Gewürznelkenfelder säumen den Weg rund um die Insel. In der Nähe des Schwefelabbaugebietes riecht es schön formuliert „unangenehm“. Kaum vorstellbar, dass hier tagein tagaus Menschen arbeiten. Vom Ijen auf Java wissen wir, dass das einer der härtesten und ungesündesten Knochenjobs der Welt ist. Doch mit dem Schwefelabbau lässt sich mehr verdienen als am Reisfeld.  

Für das tägliche Überleben und die Ausbildung der Kinder, die es einmal besser haben sollen. Überall entlang des Weges Richtung Norden bezaubern Kirchen und Kapellen. Wir fahren an unzähligen Familiengruften vorbei. Ganz Samosir scheint eine große protestantische Kirche zu sein. Offiziell sind viele Batak zum Protestantismus konvertiert. Bei hundert Kirchen und Kirchleinhaben wir während unseres ersten Besuchs zu zählen aufgehört. Dennoch: Viele Riten und Bräuche, die der traditionellen Batak-Religion entsprangen, werden neben der offiziellen Religion heute noch gepflegt. Am späten Vormittag herrscht reges Leben an den Straßenrändern. Motorräder, Autos, Kleintransporter säumen den Weg. Daneben Hühner, Wasserbüffel, Menschen auf dem Weg ins Geschäft oder zum Feld und Kinder in dunkelrot-weißen Uniformen sind unterwegs. Der Heimweg von der Schule dauert manchmal länger als die Schule selbst. So wie jeder hier scheinen auch sie keine Eile zu haben. Anders als die Kinder in städtischen Zentren oder in Mitteleuropa auch mittlerweile auf dem Land, die von ihren Eltern mit Autos oder Mopeds abgeholt werden, müssen sie die Schulwege meist noch zu Fuß zurücklegen. Und man mag es nicht glauben: Sie scheinen richtig Spaß dabei zu haben. Das vermitteln ihre fröhlichen, lachenden Gesichter.

Obwohl auf Samosir alles viel ruhiger und entspannter ist als in Deutschland, ist Multitasking auch in Südostasien gefragt. So hatte die heute 54-jährige Hotelbesitzerin bereits während des ersten Interviews, zu dem sie sich spontan überreden hatte lassen, alles im Blick und half auch schnell mal beim Check-in an der Rezeption aus, als am späten Nachmittag mehrere Gäste gleichzeitig ankamen und sofort ihre Zimmer beziehen wollten. Auf Mitarbeiterführung angesprochen meinte sie damals, dass die Zufriedenheit der Beschäftigten genauso wichtig ist wie jene der Gäste. Daran hat sich nichts geändert. Deshalb blieben die meisten Mitarbeiter auch während des Lockdowns in den Tabo Cottages. Antonius und sie haben im letzten Jahr sogar drei neue Angestellte aufgenommen, die zuvor in guten Hotels gearbeitet hatten und während der Pandemie zurück nach Samosir kamen. Sie sind eine Bereicherung für das Team und bringen seither viele neue Ideen ein.

Regelmäßige Weiterbildung wird auf „Tabo“, wie die Anlage kurz genannt wird, großgeschrieben. Dazu lässt sich die Chefin einiges einfallen. Manchmal greift sie selbst zu improvisiertem Flipchart und Stift. Auch als Mitglied in der PHRI-Hotel-und-Restaurant-Vereinigung engagiert sich die dreifache Mutter für einen besseren Zugang zur Bildung für alle und für mehr Umweltbewusstsein und nachhaltiges Wirtschaften. Für die Tabo-Crew gibt es einmal im Jahr zur Belohnung und als Trainingsinput quasi einen Betriebsausflug, damit ihre Leute auch andere Hotels und deren Arbeitsabläufe von der anderen Seite als „Gast“ kennenlernen können. „Die Mitarbeiter sind mein Kapital und wollen gut behandelt werden“, ist ihre Unternehmensphilosophie. Und deswegen investiert sie in die Mitarbeiterausbildung. Der respektvolle und wertschätzende Umgang des Personals mit der Chefin, die sie je nach Verwandtschaftsgrad Mama oder Tante nennen, ist Beweis dafür, dass ihr Konzept aufgeht. Lernen durch Erleben und Selbermachen ist die Idee dahinter und im Grunde ein sehr moderner Managementansatz der Quereinsteigerin.

Studiert hat Mama Marco ja ganz etwas anderes, nämlich damals noch als Annette Jura. Und nach einem kurzen Auslandsaufenthalt nach dem Studium wollte sie sich in die Juristerei einarbeiten. „Ich wollte nur mal kurz weg und zuerst mal etwas von der Welt sehen, bevor ich zu arbeiten beginne. Deshalb bin ich nach San Francisco geflogen“, erinnert sie sich. Als sie dort in der Traveller-Szene immer wieder vom Tobasee erzählt bekam, beschloss sie nach ein paar Monaten Arbeit bei einem Anwalt in Deutschland, diese Ecke der Welt zu besuchen. Sie kam, sah und blieb.

Das Ticket hatte ihr ihr Vater geschenkt und als sie müde von der Reise auf der Insel landete, wusste sie, dass sie hier für immer bleiben möchte. Erleichtert hat die Entscheidung schließlich Antonius, den sie auf Samosir kennen- und lieben gelernt hat. Zur Freude beider treten diese langsam in die Fußstapfen der Eltern.       

Wenn Annette, was sie gerne macht, mit ihrem Geländewagen in die Berge hinauffährt, trifft sie dort überall auf „Verwandte“. In dem mehr als fünfzig Klans zählenden Großklan ist quasi jeder mit jedem verwandt. Ein schönes Gefühl, das sie als „Aufgehobensein“ beschreibt. „Das Klanleben bestimmt unser Zusammenleben Ehe und man muss sich anpassen, wenn man hier leben will“, ist Mama Marco überzeugt. Und sie fügt hinzu, dass es gerade dieses „Anpassen“ war, was in Deutschland nicht zu ihren bevorzugten Lebensphilosophien gehört hatte. Doch hier ist ihr das dann gar nicht schwergefallen. Die große Familie hat es ihr leicht gemacht und sich gefreut, dass neben einem Schweizer Familienmitglied eine Deutsche in den Klan eingeheiratet hat, und sie auch so akzeptiert, wie sie ist.

Ein paar typisch deutsche Gewohnheiten hat sie dann doch beibehalten. Zum einen ihre Selbstständigkeit, auch als verheiratete Frau. Aber auch ganz banale Dinge. So trinkt sie hin und wieder gerne mal ein kühles Bier mit den Männern in der Kneipe. Auch das wird von allen akzeptiert, obwohl das für einheimische Frauen ein absolutes No-Go wäre. Neben vielen Unterschieden gibt es für Annette auch Gemeinsamkeiten zwischen den Deutschen und den Batak. Die sehr direkte und manchmal etwas barsche Art zum Beispiel, die auch die Menschen am See oft an den Tag legen. In ihrer trotz dieser Eigenschaften dann doch wieder extremen Freundlichkeit und Gemütlichkeit unterscheiden sie sich aber sehr von dem, was sie aus ihrer Heimat kennt. „Hier muss alles Spaß machen und man kann auch mal fünf gerade sein lassen“, erzählt sie. Diese grundlegend positive Lebenseinstellung, diese Achtsamkeit im Alltag, die Freude an den ganz kleinen Dingen zählen ihrer Erfahrung nach ja nicht unbedingt zu den deutschen Grundtugenden. Und genau das ist es, was sie auf Samosir so schätzt.  

Seit einigen Jahren ist Annette Siallagan auch über Sumatras Grenzen hinaus bekannt. Sie ist eine begehrte Interviewpartnerin diverser Journale und Frauenzeitschriften und auch im Fernsehen zu sehen. Als vor ein paar Jahren ihr Bruder mit den Kindern zu Besuch war, waren diese von der „berühmten Tante“, mit der alle Selfies machen wollten, hingerissen. Und ihre Bekanntheit nutzt sie auch, um nachhaltige Trends zu setzen. Seit sie in der in Asien beliebten „Ini Talkshow“ von Kick Andy bei Metro-TV über ihr Wasserhyazinthen-Projekt erzählt hat, ist sie so etwas wie ein Sinnbild für Ökologisierung und Nachhaltigkeit in Indonesien, das immer wieder Nachahmer findet. Außerdem wird beim Ernten der Hyazinthen auch gleichzeitig der See von Müll, Plastik und anderem Unrat gesäubert. Also ein doppelter Effekt für die Umwelt. Und die jungen Inselbewohner, die mitarbeiten, lernen neben Mülltrennung auch etwas über Umweltschutz und Ökologie.

Es ist aus ihrer Sicht ein kleiner Beitrag zur Erhaltung der Umwelt, der langsam Schule macht. „Wir machen eigentlich nichts anderes, als dass wir die Hyazinthen aus dem See fischen und aus den Algen Kompost und hochwertigen Dünger herstellen“, meint sie bescheiden. Mittlerweile gibt es richtige Öko-Trends auf der Insel und Annette ist sich sicher, dass daraus auch ein Wirtschaftszweig entstehen könnte, der gleichzeitig zum Umweltschutz beiträgt. Die Erhaltung der intakten Umwelt auf dem kleinen Juwel Samosir ist ihr wichtig. So nutzte sie gemeinsam mit Einheimischen die viele Freizeit während der Pandemie, um die Straßenränder in Tuk Tuk von wuchernden Büschen zu befreien und Blumen anzusetzen. Für die Kinder des Ortes ist sie ein Vorbild.

Obwohl diese sich, wie ihr vor Kurzem zu Ohren kam, wundern, dass die für sie „fremde und exotisch wirkende“ Frau hier Blühendes anpflanzt, gesellen sie sich gerne zu ihr und packen mit an. Dabei lernen sie eine neue Haltung der Umwelt gegenüber und ganz praktische Handfertigkeiten, die später im Leben helfen. Und schön schaut es auch noch aus.

Schon während der ersten Reise haben wir gesehen: Tuk Tuk mit seinen rund 3.000 Einwohnern schöpft seine Ausstrahlung aus der Einfachheit. Beim Schlendern durch den Ort – vorbei an einfachen Häusern mit kleinen angeschlossenen Gärten für die Selbstversorgung, an gut in die Landschaft integrierten Hotelanlagen, kleinen Shops und allem, was so ein Ort eben braucht: Kirche, Bank, Post  und Nahversorger und die deutsche Bakery, die auch während der Krise verlässlicher Lieferant der begehrten reich verzierten Geburtstagstorten war – sind wir schon 2015 dem Charme dieses Dorfes erlegen.

Je länger man durch die Landschaft fährt, umso intensiver wird dieses Gefühl, angekommen zu sein. Gut verständlich, dass Ausländer hier landen und einfach dableiben. So wie Annette vor fast 30 Jahren. Der Ort und die Menschen liegen der „fremden Frau“ seither sichtlich am Herzen. Deshalb engagiert sie sich auch ehrenamtlich.

Dafür braucht sie kein Geld vom Staat, sondern gibt eigenes aus. Sozialhilfe fließt in Indonesien ja generell spärlich. Persönliches Engagement ist an allen Ecken und Enden gefragt. Besonders in Krisenzeiten. Annette und ihr Mann nannten es bisher schon ihre „soziale Verantwortung“. Internationale Firmen verwenden den Begriff „CSR“ (Corporate Social Responsibility) dafür. Familien, die es dringend brauchen, werden mit Naturalien oder auch finanziell unterstützt. Für ein besonders intelligentes Mädchen einer Familie im Dorf hat Annette vor Jahren bereits die Ausbildungskosten übernommen. Die heranwachsende Frau macht gerade ihren Weg in der Elite-Diplomatenschule in Jakarta.

Im ersten Corona-Jahr ist Tuk Tuk sogar etwas gewachsen. Denn so wie Annettes Sohn Marco sind viele junge Menschen wieder zurück an den See gekommen. Manche haben in der Stadt ihre Jobs verloren und versuchen, sich hier mehr recht als schlecht durchzuschlagen. Andere wollten einfach sparen oder konnten sich die Miete für die Wohnungen oder Zimmer an den Arbeitsorten nicht mehr leisten. Das Leben hier ist sicher günstiger als in den touristischen oder städtischen Zentren. Und das, was die Menschen zum Leben brauchen, wird hier selber angebaut oder aus dem See gefischt. Ein hartes Leben für alle. Irgendwie können sie sich gemeinsam über Wasser halten. Denen, die es alleine nicht schaffen, werfen die anderen Rettungsringe zu und unterstützen sie.

Unter diesem Aspekt kann die Deutsche am Tobasee der Coronapandemie auch Gutes abgewinnen. „Im Verhalten hat sich einiges geändert“, erzählt sie nach einer kurzen WLAN-Unterbrechung. Die Verbindung ist das gesamte Gespräch über phasenweise instabil. Aber auch nicht mehr als bei kurzen Distanzen hier in unserer ländlichen Region. Sowieso für mich immer noch ein kleines Wunder, sich auf diese Weise „treffen“ zu können. Immerhin liegen exakt 9.424 Kilometer zwischen uns.

„Jetzt“, höre ich etwas zeitverzögert, „gilt es plötzlich für alle, dieselben Regeln zu befolgen. Egal ob Arm oder Reich, Jung oder Alt. Etwas gewöhnungsbedürftig für unser Land, in dem es starke Hierarchien, große Gräben zwischen armer und reicher Bevölkerung und Regeln immer nur für bestimmte Gruppen gibt.“ Corona kennt keine Standesdünkel, keine Hierarchien. Die meisten Dorfbewohner, egal aus welcher sozialen Schicht, hielten sich an die Coronamaßnahmen, auch wenn es genauso wie überall auf der Welt Menschen gibt, die ihrer sozialen Verantwortung den anderen gegenüber nicht gerecht werden.

„Irgendwie hat diese Krise auch gute psychologische Effekte“, sieht Annette in der aktuellen Situation auch Positives „Man hilft wieder mehr zusammen, die Menschen sind geerdeter und merken, dass man zum Leben nicht viel braucht, aber auch, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und respektvoll und achtsam miteinander umgehen müssen.“ Diese Erkenntnis hilft der Dorfgemeinschaft. Wer etwas zum Teilen hat, der teilt mit den anderen, die nichts mehr haben.

Nachdem wir via Zoom nun schon fast zwei Stunden miteinander geredet haben, drängen sich plötzlich die beiden Hunde Olaf und Hektor ins Bild. Sie sind der Meinung, Frauchen habe nun genug erzählt und es sei höchste Zeit für den täglichen Spaziergang. Sie wollen raus in die fantastische Natur. Und mich frisst angesichts der Bilder, die mir Annette im Anschluss an unser Gespräch schicken wird, und der eigenen Aufnahmen aus dem Jahr 2015, die ich mir vorab zum Einstimmen auf das Gespräch noch angesehen hatte, ein bisschen der Neid. Raus in dieses schöne Dorf am Tobasee und in diese üppig grüne Landschaft möchte ich jetzt auch gerne.

So verabschieden wir uns – ich etwas wehmütig – voneinander, mit der Beteuerung, das nächste Gespräch wieder live am Tobasee zu führen. An diesem märchenhaften See, an dem die Batak-Männer jeden Abend ihre Instrumente auspacken und gemeinsam musizieren. Wer einmal bei Einbruch der Dunkelheit in einem der kleinen Warungs  – den indonesischen Wirtshäusern – an der Hauptstraße in Tuk Tuk mit Batak-Curry verwöhnt worden ist und dabei dem melodischen, mehrstimmigen, von Gitarren begleiteten Gesang der Männer in der Kneipe gegenüber gelauscht hat, versteht, warum man wiederkommen muss.

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