Den Rubicon überschreiten

Entscheiden und Verantwortung übernehmen

Ich bin seit mehr als 35 Jahren im Feld der Kommunikationslehre tätig und passionierte Läuferin. Irgendwann – es war bei einem längeren Run entlang der Mallorquinischen Küste -, habe ich angefangen, das, was mich gerade theoretisch am Schreibtisch beschäftigte, mit der Bewegung und dem Laufen zu kombinieren. Das Gelingen erster Experimente war Antrieb, mich tiefer in das Feld der Embodied Communication zu vertiefen und Weiterbildungen im ganzheitlichen Gesundheitsmanagement und im Embodiment zu machen https://www.ipi.co.at/kommunikations-tipps-5-embodiment-der-koerper-redet-mit/.

Die neuen Theorien, die ich mir in den Aus- und Weiterbildungen zugänglich machte, konnte ich bei meinen Läufen durch den Kobernaußerwald überprüfen und die Erkenntnisse daraus wieder in meine theoretischen Überlegungen einließen lassen. So gelang es in kurzer Zeit, mehr Balance zwischen meinem Inneren und dem äußeren Umfeld herzustellen. Verändert – aus meiner Sicht zum Positiven – haben sich dabei ganz selbstverständlich auch Mindset und Verhalten. 

Das Rubikon Training

Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das sich nur in Beziehung mit anderen weiterentwickeln kann, wissen wir seit Jahrtausenden. Wie Körper, Geist und Seele mit dem sozialen Umfeld interagieren und wie sich alles gegenseitig beeinflusst, ist erst Gegenstand jüngerer Forschung. Erkenntnisse der Neurowissenschaften fließen hier ebenso ein, wie neueste Studien und Forschungsergebnisse aus Verhaltens- und Kommunikationswissenschaft. Überlegungen dazu und Erkenntnisse daraus finden sie in meinen Publikationen unter www.ipi.co.at/blog oder www.ipi.co.at/shop

Im Folgenden ein Beispiel dafür, was ich mit der Verbindung von Körper, Geist und sozialem Umfeld meine und wie Lernprozesse zur Veränderung von Haltungen und damit verknüpft von Verhaltensmustern durch Bewegung trainiert werden können.  Vor meiner Haus- und Bürotür fließt ein Bach. Keiner, der von seinen Ausmaßen her auch nur annähernd an den Rubikon in Norditalien, der bei Ravenna in die Adria mündet, heranreicht, aber Bach genug, um die Rubikon-Überschreitung zu üben und zu überprüfen, ob es tatsächlich kein Zurück gibt, ist erst einmal eine Entscheidung gefällt. Das Rubikon-Modell von Heckhausen und Gollwitzer (Heckhausen, Heinz, Heckhausen Jutta (2018), Motivation und Handeln) erklärt aus Sicht der Motivationspsychologie, wie man zu Entscheidungen kommt und diese auch konsequent umsetzen kann. Anleihe bezüglich Namensgebung haben die beiden Wissenschaftler in der römischen Antike genommen.

Als Gaius Julius Caesar im Jahre 49 v. Chr. den Fluss Rubikon überschritt, der damals die natürliche Grenze zwischen Italien und der römischen Provinz Gallia Cisalpina bildete, traf er eine Entscheidung, die aus Sicht vieler Historikerinnen und Historiker nachträglich betrachtet unumkehrbar war. Die Überschreitung des Flusses mit seinem Heer führte letztendlich zum Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius. Letzterer musste den zahlenmäßig unterlegenen gallischen Legionen Cäsars, der zuvor mit seiner Bewerbung für eine zweite Amtszeit als Konsul vom römischen Senat Caesars abgelehnt worden war, weichen. Caesar konnte sich noch einige Jahre als Alleinherrscher Roms behaupten, bevor auch er im März 44 v. Chr. ermordet wurde.

Das, was Cäsar dazu veranlasste, den Rubikon zu überschreiten, seine Wünsche und Bedürfnisse und davon abgeleiteten Ziele, die Motivation und Antriebskraft dazu und schließlich das konkrete Handeln beschreiben die notwendigen Voraussetzungen, um ins Handeln zu kommen. Heckhausen und Gollwitzer haben daraus das vier Phasenmodell entwickelt, mit dem sie motivationsgeleitetes Handeln zu beschreiben versuchen. Ihrer Ansicht nach wird beim Handelnden mit dem sogenannten „Schritt über den Rubikon“ die Entscheidung für eine von möglicherweise mehreren vorhandenen Handlungsmöglichkeiten gefällt. Ein Zurück ist aus ihrer Sicht in der Praxis – also rein theoretisch – nicht mehr möglich.

Abwägen – planen – vorbereiten – entscheiden und handeln

Zugrunde liegt dem Handeln zuerst ein intensives Abwägen von Vor- und Nachteilen, möglichen Hindernissen und möglichen Antreibern. Im zweiten Schritt wird geplant und genau festgelegt, was die einzelnen Schritte der Handlung sind.  Dann geht es in die Vorbereitung und zum Treffen von Entscheidungen. Eng verbunden damit ist das Ausloten von Konsequenzen und damit verknüpft die Übernahme von Verantwortung. Im Falle von Cäsar hat es geklappt. Er hatte – zumindest noch für ein paar Jahre – in Rom das Sagen. Wie die Weltgeschichte verlaufen wäre, hätte er sich nicht für die Überschreitung des Flusses und für diesen Angriff entschieden oder wäre er am Weg nach Rom umgekehrt, was rein theoretisch ja möglich gewesen wäre, wissen wir nicht und gehört ins Reich der Spekulation.

Doch zurück zu meiner Rubikon-Übung am Bach vor der Haustür. Nicht Rubikon, sondern Weißenbach. Dieser ist heute ein langsam rinnendes Rinnsal. Die Klimaveränderung ist die letzten Jahrzehnte unübersehbar. Er führt immer weniger Wasser. Meist, vor allem im Hochsommer, nur Steine und Staub, kein Tropfen des kühlen Nass zu finden. Dann kann ich ihn an verschiedensten Stellen überqueren. Je nachdem, was mein Ziel ist, wird vorher abgewogen, ob die Laufstrecke der körperlichen Tagesverfassung und dem vorhandenen Zeit-Budget angepasst ist. Entsprechend dazu wird die Route geplant und die Querung-Stelle festgelegt. Am Weg dahin fallen mir oft Fragestellungen ein, die im aktuellen Leben, Arbeitsalltag eine Entscheidung brauchen. Dann stelle ich mir vor, dass ich bis zur Querung-Stelle eine Entscheidung für diese Fragestellung fällen muss.

So kann ich die sportliche Aktivität, das mentale Training (abwägen-planen-vorbereiten und entscheiden) und die Lösung eines aktuellen Problems verknüpfen und weiß nach dem Training unter der Dusche meist, was die nächsten Schritte zur Lösung der aktuellen Herausforderung sind. Mit der Zeit entstehen dazu Bilder im Kopf (Anker: Rubikon-Überquerung), die sich im Alltag zur raschen Lösung akuter Probleme eignen beziehungsweise wird man auch rascher in der Entscheidungsfindung und verbraucht damit viel weniger Energie für Entscheidungsprozesse. Denn diese verbrauchen wir ja, wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen und ständig hin- und her überlegen.

Denn: Entscheidungen werden im präfrontalen Cortex getroffen. Dieser Teil des Hirns sitzt im vorderen Teil des Kopfes oberhalb der Stirn. Vom Umfang her eher sehr klein, braucht er rund vier Prozent des Hirn-Volumen. Die Leistung, die generiert wird, ist allerdings enorm. Dort, wo der präfrontale Cortex sitzt, wird permanent entschieden. Muss ich das neue Kleid haben oder brauche ich es nicht? Gehe ich heute zur Großmutter oder gehe ich nicht hin, weil ich keine Lust habe? Will ich heute fasten oder esse ich doch dieses leckere Eis und beginne erst morgen damit? Mach ich die Hausaufgabe oder gehe ich lieber ins Freie? Fragen über Fragen, die unser ganz alltägliches Leben beherrschen. Über viele Stunden täglich ist dieser Hirnbereich, der für Lebensentscheidungen ebenso zuständig ist wie für die ganz banalen des Alltags, besonders gefordert. Denn hier liegt die Selbstregulationsfähigkeit und unsere Entscheidungskompetenz.

Jede Entscheidung verschlingt Energie

Die zunehmende Digitalisierung sorgt zusätzlich dafür, dass genau in diesem Bereich unseres Gehirns täglich massive Überforderung entsteht. Schau ich diese WhatsApp gleich an oder später? Beantworte ich die Mail sofort oder erst am Abend? Abgesehen davon, dass wir ständig abgelenkt werden von dem, was gerade unsere Aufmerksamkeit bräuchte, verursacht jede nur so kleine Entscheidung Willenskraft und Energieverlust. Nicht verwunderlich, dass diese Energie im Laufe des Tages irgendwann verbraucht ist. Und spätestens dann sind wir fremdgesteuert. Selbstregulation ist nur mehr schwer möglich. Und das stresst. Erst im Schlaf baut sich die Energie wieder langsam auf. So wie das Handy, das am Ladegerät hängt oder eine Batterie, die neu geladen werden kann. Ist die Energie für die Selbstregulation erst einmal verbraucht und können wir nicht sofort entspannen, werden wir mürrisch, grantig, impulsiv, aggressiv etc. und verfallen häufig in bestimmte, antrainierte Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Man greift zur Zigarette, obwohl man sich gerade das Rauchen abgewöhnen will. Man hält dem anderen eine Standpauke, obwohl man sich vorgenommen hat, besser zu kommunizieren.

Mit dem Rubikon-Training können wir zum einen unsere körperliche und mentale Fitness steigern und zum anderen durch mehr Flexibilität rasch Alternativen und andere erprobte Optionen zur Entscheidungsfindung entwickeln. Denn die Natur stellt uns auch im Training immer wieder vor neue Herausforderungen. Im Winter, wenn Massen von Schnee die üblichen Querung-Stellen blockieren. Oder so wie um die Jahrtausendwende oder im Jahr 2013, wenn es im Sommer wochenlang regnet. Dann entwickelt sich der kleine Bach vor meiner Haustür zu einem kleinen, reißenden Fluss, wie das Bild aus dem Jahr 2013 eingangs eindrücklich zeigt. Dann gilt es, sich andere Strategien auszudenken. Möglicherweise sein Ziel zu überdenken oder zu adaptieren. Oder, beispielsweise im Winter, die Erreichung des Ziels auf das Frühjahr zu vertagen, wenn es taut und wieder mehr Optionen vorhanden sind.

Ein wunderbares Experimentierfeld, das die Natur bietet für ein Training von Entscheidungsfreudigkeit und Effizienz im Alltag. Rubikons finden sie überall. Ist kein Gewässer in der Nähe, kann man sich andere Herausforderungen suchen. Je nach individuellem Umfeld und Geschmack. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Übrigens: Auch diese wird dabei trainiert. Ebenso, wie die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Denn wer Entscheidungen fällt, muss auch Verantwortung dafür und für die Konsequenzen dieser Verantwortung übernehmen. Etwas, von dem unsere Gesellschaft wieder mehr brauchen könnte. Verantwortung für das eigene Tun und Handeln. Dann brauchen wir weniger „Schuldige“, „Sündenböcke“ und „Versager“, die gerne dran schuld sind, wenn wir selber etwas nicht schaffen oder Fehler machen.

Die Gesellschaft braucht mehr Empathie

Lesen Sie mehr dazu in den kommenden Beiträgen zu „Autobahnen im Kopf“ und einer Sprache, die Verantwortung übernimmt. Weg von der statischen Amtssprache, hin zu einer Sprache, die Gefühle und Bedürfnisse benennen kann und die Unzulänglichkeiten nicht bei anderen, sondern bei sich selbst sucht. Oder anders formuliert, wie es der Psychiater Reinhard Haller in einem Interview in den Salzburger Nachrichten von 18. Juni 2022 (Wochenendbeilage Seite 2) sagte: „Hass ist nicht nur eine Sache des einzelnen, sondern ein Problem, das die Allgemeinheit betrifft. Die Gesellschaft braucht mehr Empathie, mehr Wertschätzung, eine Entschärfung der Radikalsprache – und die Überwindung des gesellschaftlichen Narzissmus!“

Training im Alltag

Und noch etwas: Das Rubikon-Training kann überall und auch während alltäglicher Handlungen stattfinden: Gehen Sie einmal einen anderen Weg in die Arbeit, zum Supermarkt oder zur Freundin. Nehmen Sie ein anderes Verkehrsmittel in den Urlaub, ändern sie Gewohnheiten und probieren Sie Neues aus und wenden Sie dabei vorab das Rubicon-Modell an: abwägen, planen, sich entsprechend vorbereiten, entscheiden und handeln. So werden wir zielorientierter und entscheidungsfreudiger, aber auch ein Stück weit gelassener und flexibler. Und am besten schon mit den Kindern anfangen, mentale Modelle zu erweitern, zu verändern und ihren Werkzeugkoffern für die Widrigkeiten des Erwachsenenlebens erweitern! Im Buch „Sei achtsam. Gewaltfreie Kommunikation Band 3“ zeigen Yana und ihre Freunde vor, wie das möglich ist http://www.ipi.co.at/shop

 

Übrigens können wir auch von Piloten lernen. Diese müssen an ihrem Arbeitsplatz permanent Entscheidungen treffen.  Und das meist innerhalb kürzester Zeit. Das, was sie tun, kann im schlimmsten Fall eine Entscheidung über Leben und Tod für die Fluggäste, die Besatzung und sie selbst sein. FORDEC nennt sich ein Modell, das zum Einmaleins eines jeden Piloten gehört und welches die Männer und Frauen an Bord in der raschen Entscheidungsfindung unterstützt. Die Abkürzung steht für Facts (Fakten), Options (Möglichkeiten), Risk (Risiken), Decision (Entscheidung) und Execution (Ausführung) und den Check. Dieser Sechs-Schritt hilft auch in der Überschreitung des Rubikons. Ein Beispiel aus der Praxis finden Sie in folgendem Text.

Entscheidung treffen_Philip Keil Beispiel

Literatur-Tipps:

Haller, Reinhard (2022), Die dunkle Leidenschaft

Haller, Reinhard (2019), Das Wunder der Wertschätzung, Wie wir andere stark machen und dabei selbst stark werden

Holland, Tom, Wittenburg, Andreas (2015), Rubikon: Triumph und Tragödie der Römischen Republik

Rosa, Hartmut (2018), Resonanz. Eine Soziologie der Welterziehung

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