Eine interkulturelle Beziehung

Tiyao und Semra Wang: Wir wollen unserer Tochter Werte vermitteln. Für eine Religion kann sie sich später entscheiden, wenn sie alt genug dazu ist.

Er ist Buddhist, sie Muslima. Er kommt aus China, sie aus der Türkei.  Kennengelernt hat sich das interkulturelle Paar im überwiegend katholisch geprägten Salzburg. Ihr Lebensmittelpunkt heute ist Straßwalchen im Flachgau. Tochter Aylin wächst als Österreicherin  auf, die sowohl die hiesige als auch die islamische und buddhistische Kultur und Religion kennen lernen darf. Entscheiden für eines der Glaubens- und Wertesysteme kann sie sich immer noch, wenn sie großjährig ist. Oder das Beste aus jedem für ein eigenes nutzen.

Eine herausfordernde Beziehung lebt Familie Wang. Herausfordernd, da die Kulturunterschiede zwischen den beiden Herkunftsländern allein schon enorm sind. Und es dann nocheinmal etwas anders heißt, als kulturell gemischte Familie in einer völlig anderen Kultur zu leben. Aber es geht gut, sagen beide, wenn man den Willen hat und auch die nötige Toleranz dem anderen gegenüber, sich die Neugierde auf das jeweils Andere erhält und gegenseitiges Verständnis aufbringt. Und daran mangelt es ihnen wahrhaft nicht. Das was sie als große Ähnlichkeit ihrer Kulturen sehen, ist die Stellung der Familie in ihren Herkunftsländern. „In der Türkei steht die an oberster Stelle, da gibt es nichts Wichtigeres“, erzählt Semra. „Und in China auch“, ergänzt Tiyao. Und trotzdem orten sie auch hier Unterschiede, die schwer festzumachen aber trotzdem da sind. Vielleicht kann man es noch am besten mit dem Wort „Zusammenhalt“ beschreiben, der in der Türkei möglicherweise noch stärker ist als in China. Ganz anders erleben sie das hier in Österreich. Kleine Familien, sehr viel Individualismus, lose Kontakte zu entfernteren Familienmitgliedern, wenn überhaupt. „Obwohl man auch hier zwischen Stadt und Land nochmal Unterschiede sieht“, meint Tiyao. Seit 2005 leben die beiden in Straßwalchen, wo sie gemeinsam das Chinarestaurant Happy Chinese betreiben, sich über die vielen Stammkunden freuen und sich auch gut angenommen und integriert fühlen.

Etwa zeitgleich sind Tiyao Wang und Semra Sahbazlar nach Österreich gekommen. Über Familienzusammenführung, da die Vorfahren bereits in Österreich Fuß gefasst hatten. „Der Urgroßvater“, erinnert sich Tiayo Wang, „ist nach dem zweiten Wertkrieg mit der transsibirischen Eisenbahn nach Polen gelangt, mit Sack und Pack, um dort Geld zu verdienen und seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.“ Der Opa ist dann schließlich in Österreich gelandet, nach Stationen in Polen und Holland, wo es zu der Zeit damals noch keine Möglichkeiten gab, die Familie in die Fremde nachzuholen. Im Februar 1980 verließ Meizhu Wang mit ihrem Sohn Tiyao und den beiden Töchtern Peijing und Suijing das Heimatdorf Zhejiang Chian Tian, südlich von Shanghai. Dort hatten sie von Landwirtschaft und der Bearbeitung von Onyx gelebt. Gekostet hat das ein halbes Vermögen, da für die Ausreise pro Person rund 1000 Euro notwendig waren, bei einem damaligen Durchschnittsgehalt von 20 bis 30 Euro monatlich kann man sich ausrechnen, wie lange die Familie dafür sparen musste. Außerdem brauchte jeder ein Rückflugticket, für den Fall, dass das mit dem Visum nicht klappen sollte.

Die beiden jüngeren Mädchen der Familie, Haijing und Haili, folgten ein paar Jahre später. Heute sind alle erfolgreich in der Gastronomie tätig und bewirtschaften chinesische Lokale in Salzburg und Umgebung und sogar ein thailändisches, das bekannte Restaurant Bangkok in der Stadt Salzburg.  An den Anfang erinnert sich Tiyao noch gut. An die „bunte“ Klasse in Salzburg, in die er nach einem kurzen Zwischenstopp in Wien eingeschrieben wurde und in der er kein Wort verstand. Und an die Klassenkameraden, die aus seinem für sie unaussprechbaren Namen ganz schnell einen „Jimmy“ machten. „Die haben mich einfach umgetauft“, lacht der leidenschaftliche Koch. Der Spitzname ist bis heute geblieben und viele kennen den Österreicher mit chinesischen Wurzeln auch besser unter diesem. Auch deshalb, weil er sich am Telefon so meldet.

Gelernt hat Tiyao das Kochen beim Vater im Restaurant in Salzburg. Semra erzählt, während Tiyao wieder mal schnell in die Küche muss, weil neue Gäste gekommen sind, dass sie diplomierte Krankenschwester ist. Auch sie kam durch Familienzusammenführung nach Österreich. Der Papa war Schneider, fand in Salzburg einen Job und holte dann die Familie nach. Ein klassisches Gastarbeiterschicksal, wie es in den 70-er und 80-er Jahren zig tausenden jungen Türken wiederfuhr. In perfektem Salzburgerischen Dialekt denkt sie über das Fremdsein nach und meint, dass ihre Wurzeln doch in Ödemis, in der Nähe von Izmir sind und sie manchmal Sehnsucht nach der Heimat hat. „Wurzeln kann man halt nicht verpflanzen“, weiß Semra. Auch wenn ich derzeit nicht für immer in der Türkei leben möchte, schon allein wegen der Stellung der Frau, die dort noch eine andere ist. Sie weiß das  genau. Denn ihre Schwester ist aufgrund von Heirat wieder zurückgegangen und hatte lange Zeit mit der Kultur, die ihr fremd geworden war während der vielen Jahren in Österreich, zu kämpfen. Urlaub machen in Ödemis muss aber mindestens einmal im Jahr sein – die Familie sehen, die Wärme fühlen und die den kulturellen Ursprüngen nachspüren.

Tiyao, nach sieben Minuten und zwei dampfenden, scharf riechenden Gerichten, die er am Nebentisch serviert hat, wieder zurück, fühlt sich da viel mehr als Österreicher. Er kann sich vorstellen, es in der Pension einmal so zu machen, wie sein Vater jetzt: ein halbes Jahr in Österreich, ein halbes Jahr in China – das wär doch eine gute Möglichkeit, in beiden Kulturen daheim zu sein. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun, und das stressige Leben hier stört ihn eigentlich wenig, da er leidenschaftlich gerne arbeitet. Wenn man ihm in der Küche beim Hantieren mit den Töpfen und frischen Produkten zuschaut, glaubt man ihm das gerne. Töchterchen Aylin kommt heute schon in den Genuss, drei Kulturen kennen lernen zu dürfen. Die österreichische, in der sie lebt, die chinesische und die türkische.  Ob sie sich einmal für eine entscheiden wird oder aus allen drei ihre eigene formt, wird die Zukunft weisen. Derzeit erfreut sie sich an den vielen Festen, die in der Familie gefeiert werden – dem Chinesischen Neujahrsfest und dem Mondfest, dem muslimischen Bayram Fest und natürlich dem christlichen Ostern und Weihnachten. Was gibt es schöneres für das Kind, das derzeit als Model für Kinderkleider von jedem Hofer-Werbeprospekt lacht.

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