Autobahnen im Kopf

Wie es gelingt, unseren Autopiloten abzuschalten

„Der Autopilot im Flieger, das ist ähnlich wie Autofahren auf der Autobahn mit dem Tempomaten. Den kann man ja einschalten, wenn man auf einer breiten gut ausgebauten Straße immer das gleiche Tempo fahren will und dann macht das Auto das ganz von selbst“, erklärt die kleine Yana ihren Freunden im Buch „Sei achtsam“ ( www.ipi.co.at/shop ) . „Aber nur, wenn man ein neumodernes Auto hat. Denn mit so alten Blechschüsseln, wie der Dad von Paul sie fährt, geht das nicht“, ergänzt die kleine Meisterin der Giraffensprache im Gespräch mit ihren Freunden.

Die Sprache des Herzens, wird die Giraffensprache auch gerne genannt. Oder mit wissenschaftlichen Namen in der Erwachsenenwelt „Gewaltfreie Kommunikation“, als solche umfassend beschrieben und weltweit erfolgreich angewandt und verbreitet vom „Erfinder“ Marshall B. Rosenberg in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Unsere mentalen Autobahnen werden in der Kindheit und Jugend angelegt. Bis zur Pubertät sind die Prozesse laut moderner Hirnforschung – siehe dazu zum Beispiel Gerald Hüther, Manfred Spitzer oder Gerhard Roth –  meist weitgehend abgeschlossen. Geprägt werden unsere Haltung, unsere Werte aber auch unsere Vorurteile in erster Linie durch Vorbilder im sozialen Umfeld. Dazu zählen an allererster Stelle die Familie, Verwandte, Bekannte, Freunde und Pädagoginnen und Pädagogen, denen wir im Laufe unserer Schulkarriere begegnen.  Alles Vorbilder, an denen wir uns orientieren, von denen wir lernen und an denen wir in unserer Beziehung mit ihnen wachsen und uns entwickeln. Sie leiten uns an und prägen damit die Autobahnen in unserem Kopf und die dahinterstehenden Autopiloten. Diese werden aktiv, wenn bestimmte Reize die immer gleichen Reaktionen bei uns auslösen.

Gelernt wird durch Nachahmung. Wenn in der Familie Höflichkeitsfloskeln wie „bitte und danke“ nie gehört und nicht regelmäßig verwendet werden, werden wir diese auch später in unserem Leben schwer über die Lippen bringen. Außer, es wird uns durch die Vorgabe von Regeln, die mit unseren Zielen und inneren Antrieben verbunden sind, abverlangt oder wir lernen andere Menschen, zum Beispiel einen Partner kennen, der anders sozialisiert wurde und das Bitte und Danke in der Beziehung einfordert. Dann ist natürlich Veränderung, die Abkehr vom Gewohnten und Eintrainierten immer möglich.

Ansonsten ist das so wie beim Fahren mit einem Auto per Tempomat und Navi auf einer Autobahn. Immer geradeaus in eine Richtung und mit demselben Tempo. Wenn wir also zum Beispiel von Salzburg nach Wien auf der Autobahn fahren, dann ist das immer die gleiche Straße, die gleiche Strecke, die gleiche Umgebung und wir fahren ganz automatisch und nehmen gar nicht mehr viel wahr, weil es Gewohnheit ist. Zur Sicherheit ist die Strecke auch noch im Navi eingespeichert und der Tempomat macht das Fahren sehr bequem.

Übertragen auf unser Leben heißt das, dass wir in bestimmten Situationen immer das Gleiche tun. Immer gleich reagieren. Wie ein Autopilot im Flieger. Oder Navi und Tempomat im Auto. Auf einen bestimmten Reiz folgt immer dasselbe Programm. Um andere Sichtweisen und Perspektiven entwickeln und somit auch anders handeln zu können, müssen wir bildlich gesprochen manchmal runter von der Autobahn und neue Wege finden und ausprobieren.

Das sind oft verwachsene Trampelpfade neben der Autobahn. Die führen über Stock und Stein und durch Gestrüpp. Verwachsen und uneben. So, wie wenn man auf einem kleinen Waldweg geht“. Mache Wege haben Kurven oder viele Abzweigungen, an denen man sich jeweils entscheiden muss, in welche Richtung man weitergeht. Sie sind unübersichtlich und manchmal nur schwer zu erkennen. Dann heißt es, Tempo rausnehmen, viel langsamer und vorsichtiger gehen oder fahren. Das ist mühsam und anstrengend und oft kommt man nur langsam voran.

Aber je öfter man diesen Pfad benutzt, umso ausgetretener und breiter wird er und umso einfacher ist er zu befahren. Gleichzeitig beginnt die Autobahn, die wir nicht mehr oder nur mehr selten benutzen, zu verwildern, wird langsam unbefahrbar. Um in diesen Prozess eintauchen zu können, müssen wir unser Leben, unser Verhalten und die dahinter stehenden Haltungen bewusst wahrnehmen. Dann merken, wir, dass wir in bestimmten Situationen immer gleich reagieren. Wenn das unbefriedigend wird oder wir damit nicht mehr ans Ziel kommen, dann können wir den Weg – sprich unsere Reaktion und unser Handeln – ändern. So gelingt es auch, von unseren Vorurteilen loszukommen und wir können neue Erfahrungen machen.

Leider sind wir in unserer Mitteleuropäischen Welt nicht darin geübt, unsere Gefühle und die Bedürfnisse hinter unseren Handlungen und Reaktionen zu sehen, zu spüren und auch zu benennen. Oft verhindert dies die technisch-statische Sprache, derer wir uns bedienen. Kulturen, die eher in Gefühlen und Bedürfnissen kommunizieren und dafür auch die nötigen Wörter und die passende Grammatik haben, tun sich hier wesentlich leichter. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg hilft uns dabei, einen Schritt raus aus den alten Verhaltensmustern und hin zu einer lebendigen und bedürfnisorientierten Sprache zu kommen.  Mehr zur aktuellen Hirnforschung und zur Gewaltfreien Kommunikation findet ihr in den Literaturtipps oder auch in meinem Blog unter Kommunikation und Lernen.

Literatur-Tipps:

Rosenberg, Marshall B., Holler, Ingrid (2016), Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens

 (Roth, Gerhard (2021), Über den Menschen

Hüther, Gerald (2012), Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden

Hüther, Gerald (2019), Was schenken wir unseren Kindern? Eine Entscheidungshilfe

Hüther, Gerald (2021), Lieblosigkeit macht krank, Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden

Spitzer, Manfred (2020), Wie wir denken und lernen, Ein faszinierender Einblick in das Gehirn von Erwachsenen

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